DAI und Open Access? Fehlanzeige!

Bei der Kurzrecherche zum letzten Blog-Eintrag habe ich mich wieder an einen sehr interessanten Vortrag erinnert, den ich vor über fünf Jahren, am 16. Juni 2007, in der Heidelberger Heuscheuer bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Archäologen-Verbandes gehört habe. Der Referent war Florian Seiler, Leiter der Redaktion der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) zu Berlin, und der Titel lautete »Die Zeitschriften des Deutschen Archäologischen Instituts in Zukunft online? Status quo und Perspektiven«. In etwas anderer Form ist der Beitrag zur Zeit noch auf dem Server des DAI einsehbar. Allerdings ist er nur über Internet-Suchmaschinen erreichbar, von den Webseiten des DAI ist er verschwunden und auch die seiteninterne Suchfunktion hilft hier nicht weiter.

Thema des Vortrags waren, wie gesagt, die Überlegungen und Planungen des DAI, »seine Zeitschriften künftig auch in elektronischer Form bereitzustellen« bzw. die »die Online-Zeitschriften möglichst im Open Access-Angebot zur Verfügung zu stellen«. Seiler umriss allerdings während es Vortrags weniger die Perspektiven, die sich durch ein solches Angebot vor allem für die Forschung ergäben, sondern erläuterte vielmehr die damit verbundenen Probleme des DAI als Herausgeber der Periodika. Dennoch, die für mich zentrale und hoffnungsvolle Aussage seiner Ausführungen lautete folgendermaßen – ich zitiere aus dem Text auf der Website des DAI:

»In diesem Spannungsfeld der polarisierten Interessenlagen zwischen Verlagswirtschaft und Wissenschaftsbetrieb, vor dem Hintergrund des technologischen Veränderungsprozesses im Publikationswesen und dem dadurch veränderten Nutzer-Verhalten und nicht zuletzt im Fokus der aktuellen Open Access Debatte steht das Vorhaben des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), die von der Zentrale, den Abteilungen und Kommissionen herausgegebenen Zeitschriften in naher Zukunft in Online-Ausgaben zur Verfügung zu stellen. In Anbetracht der Anzahl der Zeitschriften und der Komplexität der Aufgabe kann man hier von einem Großprojekt sprechen, das einen entsprechenden Vorlauf und einen angemessenen Zeitraum für die Umsetzung beansprucht. Das DAI arbeitet bereits seit einiger Zeit an diesem Projekt mit der Perspektive, die Bereitstellung aller DAI-Zeitschriften in Online-Ausgaben bis 2010 zu bewältigen.«

Als ich das gehört hatte, war ich erfreut und skeptisch zugleich. Erfreut, weil das DAI offenbar endlich die Schritte zu tun plante, die andere Institute in anderen Ländern schon längst vollzogen hatten, nämlich die von ihnen herausgegebenen Zeitschriften den Nutzern online, mit oder ohne Beschränkung durch ein Abo, zugänglich zu machen. Und skeptisch, weil das DAI nun einmal eine Behörde ist und die Mühlen der Behörden in der Regel langsam mahlen. Von dieser Regel scheint das DAI leider keine Ausnahme zu sein, denn auch sieben Jahre nach dem Vortrag und zwei Jahre nach dem genannten Stichjahr hat sich die Situation in Hinsicht auf die Digitalisierung der Zeitschriften nicht geändert. Abgesehen von Inhaltsverzeichnissen und Zusammenfassungen der Beiträge ist bislang keine der insgesamt 14 Zeitschriften des DAI im Netz verfügbar.

Warum wurden die von Seiler genannten Planungen bislang noch nicht umgesetzt? Seiler sprach natürlich die mit so einem umfangreichen Prozess verbundenen Kosten an. Angesichts der allgemein leeren öffentlichen Kassen fehlt es vielleicht tatsächlich am nötigen Geld. Allerdings müssten sich für ein derart nützliches und attraktives Projekt doch auch Drittmittel, etwa von der DFG oder der Gerda Henkel Stiftung, anwerben lassen. Zudem könnte man sich auch in diesem Fall mit leistungsstarken Partnern, wie etwa der Bayerischen Staatsbibliothek in München und der Universitätsbibliothek Heidelberg zusammentun, mit denen das DAI bereits bei der Virtuellen Fachbibliothek Altertumswissenschaften »Propylaeum« und dem ebenfalls von der DFG finanzierten Projekt »Rezeption der Antike im semantischen Netz« zusammenarbeitet. Da diese Institute bereits große Erfahrungen mit der der Digitalisierung bzw. Retrodigitalisierung haben, wäre so auch die relativ zügige technische Umsetzung des Projektes gewährleistet. Möglicherweise wird die Realisierung der Planungen bislang jedoch von etwas ganz anderem blockiert, was Seiler im Vortrag auch angesprochen hat: den wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der an den Publikationen beteiligten Gruppen, also des DAI als Herausgeber, der Verlage und der Autoren. Nochmal Seiler:

»Da an diesem Prozess verschiedenste Interessengruppen partizipieren, müssen die divergierenden Interessen zum einen koordiniert werden, zum anderen müssen die jeweils erbrachten ökonomischen und geistigen Leistungen berücksichtigt werden.«

Auf die damit verbundenen Probleme kann hier nicht eingegangen werden, zumal mir auch die dafür notwendigen Detailinformationen fehlen. Es stellt sich aber doch die Frage, wenn noch nicht die aktuellen Publikationen online gestellt werden können, warum beginnt man nicht zuerst mit jenen Ausgaben aus dem späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jhs., die rechtlich gesehen wohl mittlerweile gemeinfrei sein sollten und an denen wohl auch die Verlage kein wirtschaftliches Interesse mehr haben. Es müssten ja nicht alle Periodika auf einmal digitalisiert werden. Ein sukzessives Vorgehen wäre auch schon ein Gewinn. Hauptsache es passiert überhaupt etwas. Die Engländer, Amerikaner und Franzosen, die mit den genannten Problemen anscheinend weniger skrupulös umgehen, zeigen via www.jstor.org oder www.persee.fr schon seit Jahren, wie man es machen könnte. Aber womöglich unterschätze ich auch die Komplexität des Prozesses, oder es verhält sich mit dem DAI in Bezug auf den längst überfälligen Schritt ins Online-Zeitalter wie mit den Deutschen und der Revolution: »„Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!« Indes, Lenins These, ihm wird das Zitat zugeschrieben, wurde 1989 bereits eindrücklich widerlegt.

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