»Wer zahlt für die Archäologie?«

Der gestern ausgestrahlte WESTPOL-Beitrag zur Finanzierungs-Problematik von Rettungsgrabungen ist inzwischen auch online anzusehen: http://www.wdr.de/tv/westpol/sendungsbeitraege/2012/0701/archaeologie.jsp. Zudem ist der Text des Berichts zu lesen.

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5 Antworten zu »Wer zahlt für die Archäologie?«

  1. Hiltibold schreibt:

    Die Logik die hinter der Aufregung steht, erschließt sich mir nicht so ganz. Wenn ich ein Bauherr wäre und wüsste, dass ich im Falle eines Fundes die Kosten tragen müsste, dann würde ich die Sache eher verheimlichen und einfach weiterbauen. Zahlt hingegen der Staat, steht einer Meldung des Fundes viel weniger im Weg. Wo ist also das Problem?

  2. Jürgen schreibt:

    Das Problem wird in diesem und in den anderen zitierten Beiträgen doch sehr deutlich. Es geht um die finanzielle und damit auch personelle Ausstattung der Bodendenkmalämter, die aufgrund der angespannten Finanzsituation insbesondere der Kommunen an ihre Grenzen stoßen und die notwendigen Leistungen alleine nicht erbringen können. Der Staat kommt in Deutschland generell nicht für die archäologische Denkmalpflege und den Bodendenkmalschutz auf, da diese von den Ländern bzw. Kommunen organisiert und finanziert wird. In NRW ist dafür das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, eine Dienststelle des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), zuständig. Dem Amt und seinen verschiedenen Außenstellen stehen für die genannten Aufgaben jährlich knapp 10 Mill. Euro zur Verfügung. Tatsächlich liege aber das Gesamtvolumen der archäologischen Maßnahmen in den letzten Jahrzehnten bei jährlich etwa 40 Millionen Euro. Wenn also der LVR zukünftig alle Maßnahmen finanzieren soll, wären zusätzlich rund 30 Millionen Euro nötig, die natürlich nicht gewährt werden würden. Das wiederum hätte zur Folge, dass eine Vielzahl wichtiger archäologischer Denkmäler nicht geborgen und dokumentiert werden könnten und somit unwiederbringlich zerstört wären.

    Im übrigen scheint Dein archäologisch-historisches Verständnis auch nicht besonders stark ausgeprägt zu sein, wenn Du als Bauherr, wie Du schreibst, die Funde und Befunde lieber zerstören als für deren Dokumentation zahlen würdest.

  3. Hiltibold schreibt:

    Man sollte demnach lieber für eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der zuständigen Stellen demonstrieren, anstatt die Kosten für den Denkmalschutz auf Privatleute abwälzen zu wollen. Schließlich geht es nicht nur um steinreiche Kiesgrubenbesitzer, wie hier insinuiert wurde, oder? Inwieweit wird die finanzielle Leidensfähigkeit der Bauherren im Einzelfall berücksichtigt?
    PS: Mein „archäologisch-historisches Verständnis“ ist absolut ok. Ich versuche lediglich mich in andere Menschen hinein zu versetzen und meine Eigeninteressen dabei zurückzuschrauben.

  4. Jürgen schreibt:

    Die prekäre finanzielle Situation von Bund, Ländern und vor allem der Kommunen wird Dir bekannt sein. Mit einer Verschuldung in Höhe von gut 185 Milliarden Euro (2010) nimmt NRW die Spitzenposition innerhalb der Bundesländer ein. Du kannst Dir unter den Umständen vielleicht denken, welchen Erfolg die Bitte um Erhöhung der Finanzmittel für die Bodendenkmalpflege beschieden sein würde. Glaube nicht, dass die Ämter hier nichts versucht hätten. Was nun die »finanzielle Leidensfähigkeit der Bauherren« angeht, so wird ja nicht einfach rücksichtslos losgegraben. Bevor mit einer Grabung begonnen wird, muss sich die Maßnahme wie alle anderen behördlichen Anordnungen am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit messen lassen. Das heißt, es muss stets geprüft werden, ob die Maßnahmen notwendig und verhältnismäßig sowie wirtschaftlich zumutbar sind. Dabei ist grundsätzlich auch das Übermaßverbot, das heißt das Gebot des geringst möglichen Eingriffs, zu beachten. So weit die Theorie bzw. Rechtslage. In der Realität kann und kommt es natürlich auch zu unterschiedlichen Einschätzungen dessen, was verhältnismäßig und für den Bauherrn wirtschaftlich zumutbar ist. Nichtsdestotrotz ist es jedoch so, dass Grabungskosten erfahrungsgemäß in der Regel nicht mehr als maximal 5% der Kosten einer Baumaßnahme betragen (s. dazu den Beitrag von Almuth Gumprecht: Pecunia nervus rerum. Kostentragungspflicht des Verursachers bei Ausgrabungen http://www.lwl.org/wmfah-download/pdf/Kostentragungspflicht_2006.pdf)

  5. Hiltibold schreibt:

    Man kann meiner Meinung nach nicht pauschal große Gebiete als schutzwürdig ausweisen, nur weil sich vielleicht irgendwo ein Bodendenkmal befinden könnte, dessen Freilegung und Erforschung man durch so eine „vorausplanende“ (hinterhältige?) Vorgehensweise nach Möglichkeit auf den Privatmann abwälzen möchte (so interpretiere ich Teile des PDFs). Das käme einer Teilenteignung sehr vieler Grundstückseigentümer gleich, da diese mit empfindlichen Wertverlusten rechnen müssten. In Kontinentaleuropa ist die dahingehende Schutzwürdigkeit von Privatbesitz deutlich unterentwickelter, als z.B. in GB.
    Und die als Beispiel angeführten „5 Prozent“, können für den Bauherrn eines Eigenheims, der nur über ein Durchschnittseinkommen verfügt, schon vollkommen ausreichen, um ein Fall für Peter Zwegat und das Unterschichtenfernsehen zu werden. So locker sehe ich die Sache deshalb nicht.

    Dass die Erde, wie in dem PDF auch behauptet wird, Bodendenkmäler perfekt erhält, ist natürlich verallgemeinender Nonsens. Sich verändernde Grundwasserspiegel könne beispielsweise organisches Material, das bisher Jahrhunderte konserviert worden war, innerhalb weniger Jahre zersetzen. So gesehen denke ich, dass man manchmal recht froh darüber ist, durch Baumaßnahmen verursachte „Notgrabungen“ durchziehen zu können.

    Dass die Politik auf zusätzliche Geldforderungen selten wohlwollen reagiert, ist klar. Kreativität ist deshalb das Gebot der Stunde. Warum startet man beispielsweise nicht eine massive, bundesweite (oder gar länderübergreifende) Werbekampagne, um Zivildiener (und andere Menschen) für die Tätigkeit des Grabungshelfers zu interessieren? Das Problem der Archäologie ist doch vielfach, dass sie im Stillen betrieben wird und kein durchdachtes Konzept besitzt, wenn es darum geht auf die Hilfe der Allgemeinheit, in Form von „Manpower“, planmäßig und im großen Stil zurückzugreifen.

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